
La Japonaise (Die Japanerin) ist ein Ölgemälde, das Claude Monet 1876 vollendete. Es gehört zu den größten Bildern, die er je von einer einzelnen Figur malte: Die Leinwand misst 231,8 mal 142,3 Zentimeter, die Frau darauf ist also in ganzer Figur und etwa in Lebensgröße dargestellt. Heute hängt das Gemälde im Museum of Fine Arts in Boston in den Vereinigten Staaten.
Ein einziges Element beherrscht das Bild: ein prächtiges rotes japanisches Gewand. Eine Frau steht auf einer Strohmatte, leicht zur Seite gedreht, und blickt lächelnd zum Betrachter zurück. In der erhobenen rechten Hand hält sie einen geöffneten Faltfächer. Ihr langer Kimono breitet sich um ihre Füße auf dem Boden aus und ist mit dicker, farbenprächtiger Stickerei bedeckt. Hinter ihr ist die blassblaugraue Wand mit runden japanischen Fächern übersät, weitere Fächer liegen auf dem Boden. Die Wirkung ist hell, theatralisch und voller Muster, fast wie ein Bühnenbild.
Modell stand Camille Doncieux, Monets Frau und in den frühen Jahren seiner Laufbahn sein liebstes Modell. Zehn Jahre zuvor hatte sie für Camille posiert, das Bildnis in einem grün gestreiften Seidenkleid, das dem jungen Maler im Pariser Salon von 1866 seinen ersten Erfolg beschert hatte. Auch jenes Bild zeigt sie in ganzer Figur und lebensgroß, sodass man La Japonaise als eine Art Gegenstück dazu sehen kann, gemalt von einem älteren, selbstbewussteren Monet, der bereits als einer der Impressionisten bekannt war.
1876 lebte die Familie in Argenteuil, einer kleinen Stadt an der Seine bei Paris, wo Monet viele sonnige Szenen mit Booten, Gärten und Flussufern malte. Im Jahr zuvor hatte er Camille und ihren Sohn Jean auf einem windigen Hügel in Frau mit Sonnenschirm dargestellt, einer leichten, rasch gemalten Freilichtszene. La Japonaise ist ganz anders: Das Bild entstand im Innenraum, ist sorgfältig inszeniert und steckt voller Details.
Ein merkwürdiges Detail ist Camilles Haar. In Wirklichkeit hatte sie dunkle Haare, auf dem Gemälde trägt sie jedoch eine blonde Perücke. Kunsthistoriker vermuten, dass Monet ganz deutlich machen wollte, dass hier eine Europäerin in japanischem Kostüm zu sehen ist und keine Japanerin. Das Bild ist kein Porträt Japans, sondern ein Porträt der französischen Faszination für Japan.
Das Gewand, das Camille trägt, ist ein Uchikake, ein langer, schwerer Überkimono, der offen über anderer Kleidung getragen wird. In Japan trugen vornehme Frauen solche Gewänder zu besonderen Anlässen, etwa bei Hochzeiten, außerdem dienten sie als Bühnenkostüme. Sein unterer Saum ist wattiert, sodass er als dicker Wulst über den Boden schleift, was Monet mit großer Sorgfalt malte.
Das Überraschendste am Kimono ist seine Verzierung. Nahe dem Saum, gleich unter Camilles Hand, ist ein Samurai-Krieger mit grimmigem Gesicht eingestickt, der gerade sein Schwert zu ziehen scheint. Weil die Stickerei so dick und so leuchtend ist, sieht es fast so aus, als spränge der Krieger aus dem Stoff heraus. Sein grimmiges Gesicht befindet sich nicht weit von Camilles eigenem, und die beiden bilden einen verspielten Kontrast: die ruhige, lächelnde Französin und der wütende Krieger auf ihrem Gewand.
Auch die Fächer verdienen einen genaueren Blick:
Mehr als zweihundert Jahre lang hatte sich Japan dem Außenhandel fast vollständig verschlossen. In den 1850er-Jahren begann das Land unter dem Druck der Vereinigten Staaten und europäischer Mächte, seine Häfen zu öffnen. Bald strömten japanische Waren nach Europa: Seide, Porzellan, Lackarbeiten, Fächer, Wandschirme und vor allem farbenfrohe Holzschnitte, die Ukiyo-e, „Bilder der fließenden Welt“. Japans Auftritt auf der Weltausstellung in Paris 1867 machte japanische Kunst noch modischer.
Die Franzosen nannten diese Begeisterung Japonismus. Pariser Geschäfte verkauften japanische Gegenstände, wohlhabende Leute schmückten ihre Räume damit, und Künstler studierten die Drucke von Meistern wie Katsushika Hokusai und Utagawa Hiroshige. Diese Holzschnitte zeigten Alltagsleben, Schauspieler, Landschaften und das Wetter auf eine Weise, die europäischen Augen frisch und gewagt erschien: kräftige Umrisse, flache Flächen in leuchtenden Farben, ungewöhnliche Blickwinkel und Kompositionen, die an den Rändern abgeschnitten sind.
Viele Maler aus Monets Umfeld ließen sich davon inspirieren, darunter Édouard Manet, Edgar Degas und später Vincent van Gogh. Bilder modischer Frauen, die im Kimono oder mit japanischen Gegenständen posierten, wurden in den 1860er- und 1870er-Jahren zu einer kleinen eigenen Mode. Mit La Japonaise schuf Monet eines der kühnsten und größten Beispiele dieses Trends.
Für Monet war die Liebe zur japanischen Kunst keine vorübergehende Laune. Im Laufe seines Lebens trug er eine Sammlung von mehr als zweihundert japanischen Farbholzschnitten zusammen, darunter Werke von Hokusai, Hiroshige und Utamaro. Eine beliebte Geschichte erzählt, er habe sie zum ersten Mal entdeckt, als er in einem Laden in den Niederlanden Drucke sah, die als Packpapier dienten, doch diese Erzählung ist womöglich eine Legende. Sicher ist, dass die Drucke später die Wände seines Hauses in Giverny bedeckten, wo man sie bis heute sehen kann.
Der Einfluss Japans auf Monet reicht weit tiefer als Kostüme und Fächer. In seinem Spätwerk zeigt er sich in der Art, wie er seine Ausschnitte wählte, in seinen Serien desselben Motivs zu verschiedenen Tageszeiten und vor allem in seinem berühmten Garten in Giverny. Dort legte er einen Wassergarten mit einer grün gestrichenen japanischen Brücke an, die sich über einen Teich voller Seerosen wölbt, ein Motiv, das er bis an sein Lebensende immer wieder malte. Interessanterweise nehmen diese späten Werke den Geist der japanischen Kunst auf stille, persönliche Weise auf, während La Japonaise japanische Gegenstände ganz direkt zeigt, fast wie eine Schau von Schätzen.
1874 hatten Monet und seine Freunde ihre erste unabhängige Ausstellung veranstaltet, auf der Impression, Sonnenaufgang einen Kritiker dazu brachte, die ganze Gruppe spöttisch „Impressionisten“ zu nennen. Zwei Jahre später, 1876, hielten sie ihre zweite Ausstellung in der Galerie des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel in Paris ab. Monet zeigte dort La Japonaise, und das Bild erregte große Aufmerksamkeit.
Die Reaktionen waren gemischt: Manche Kritiker genossen die strahlenden Farben und den Humor, andere fanden das Bild effekthascherisch oder rätselhaft. In einer wichtigen Hinsicht war es jedoch ein echter Erfolg: Es wurde für 2020 Francs verkauft, damals ein hoher Preis für Monet. Für einen Maler, der oft Mühe hatte, seine Rechnungen zu bezahlen, war das hochwillkommenes Geld.
Monet selbst äußerte sich später jedoch eher abschätzig über das Gemälde. Im Alter bezeichnete er es als kaum mehr als eine Laune, ein Werk, das er zum Teil gemalt habe, um dem Publikum und dem Kunstmarkt zu gefallen. Es passte nicht zu dem Bild des Malers von Licht und freier Natur, das er hinterlassen wollte. Viele heutige Betrachter sehen das anders und halten es für eines seiner fröhlichsten und einfallsreichsten Figurenbilder.
Nach dem Verkauf wanderte La Japonaise jahrzehntelang durch Privatsammlungen. 1956 erwarb es das Museum of Fine Arts in Boston, das eine der größten Sammlungen von Monet-Gemälden außerhalb Frankreichs besitzt und zugleich eine der bedeutendsten Sammlungen japanischer Kunst der Welt. Damit ist Boston ein passendes Zuhause für ein Bild, das beide Welten zusammenbringt.
2015 stand das Gemälde im Mittelpunkt einer öffentlichen Debatte. Es war kurz zuvor von einer Ausstellungstournee in Japan zurückgekehrt, und das Museum startete eine Veranstaltung namens „Kimono Wednesdays“ (Kimono-Mittwoche), bei der Besucher eine Nachbildung des Kimonos anprobieren und sich vor dem Gemälde fotografieren lassen konnten. Einige Protestierende argumentierten, die Aktion behandle die Kleidung einer anderen Kultur wie ein Kostüm und wiederhole alte europäische Klischees über Asien. Andere, darunter einige japanische und japanisch-amerikanische Besucher, widersprachen und sagten, das Teilen des Kimonos sei eine freundliche Art, die japanische Kultur zu würdigen. Das Museum ließ die Besucher den Kimono nicht mehr anziehen, sondern nur noch berühren, und veranstaltete Gespräche über die Geschichte des Japonismus. Die Diskussion zeigte, dass ein 1876 gemaltes Bild noch immer Fragen dazu aufwerfen kann, wie Kulturen einander betrachten und voneinander entlehnen.