
Wer die Basilika Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig betritt, sieht es schon vom anderen Ende des Langhauses: ein Leuchten aus Rot und Gold, gerahmt vom Bogen des marmornen Lettners. Es ist die Himmelfahrt Mariens, meist einfach Assunta oder Frari-Assunta genannt, die Tizian zwischen 1515 und 1518 malte. Das Ölgemälde auf Holz misst rund 6,9 auf 3,6 Meter und ist damit das größte Altarbild der Stadt. Bemerkenswerterweise befindet es sich noch immer genau an dem Ort, für den es entworfen wurde: über dem Hochaltar der Kirche.
Die Frari ist eine der beiden großen Bettelordenskirchen Venedigs, im 14. und 15. Jahrhundert von den Franziskanern errichtet. Ihr offizieller Name, Santa Maria Gloriosa, bezieht sich auf Maria in der Herrlichkeit des Himmels; ein Bild ihrer Himmelfahrt war also das denkbar passendste Thema für den Hauptaltar. Die Kirche ist gewaltig, und der Altar liegt weit von der Gemeinde im Langhaus entfernt. Jedes Bild an dieser Stelle musste aus großer Distanz lesbar sein. Dieses praktische Problem erklärt vieles, was das Gemälde so ungewöhnlich macht: seine enorme Größe, die weit überlebensgroßen Figuren und die kräftigen, klaren Kontraste von Farbe und Licht.
In Auftrag gegeben wurde das Altarbild von Fra Germano da Casale, dem Prior des Frari-Klosters; Tizian begann vermutlich um 1516 mit der Arbeit. Dieses Jahr war ein Wendepunkt der venezianischen Kunst. Giovanni Bellini, Tizians alter Lehrer und jahrzehntelang der führende Maler der Republik, starb 1516. Giorgione, der geniale Künstler, mit dem der junge Tizian eng zusammengearbeitet hatte, war schon einige Jahre zuvor, 1510, an der Pest gestorben. Tizian, nach den meisten Schätzungen noch keine dreißig, hatte plötzlich die Chance, der erste Maler Venedigs zu werden, und der Auftrag der Frari war die Bühne, auf der er das bewies.
Nur wenige Jahre zuvor hatte er Werke von stiller, poetischer Ruhe geschaffen, etwa Himmlische und irdische Liebe um 1514, auf dem zwei Frauen friedlich an einem Brunnen in einer sanften Landschaft sitzen. Die Assunta zeigt, wie schnell sein Ehrgeiz wuchs. Statt einer besinnlichen Szene für einen privaten Sammler schuf er nun ein riesiges öffentliches Bild voller Dramatik und Bewegung, das jeder Gläubige in einer der meistbesuchten Kirchen der Stadt sehen sollte.
Die Himmelfahrt Mariens ist der Glaube, dass die Jungfrau Maria am Ende ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Die Geschichte steht nicht in der Bibel, sondern stammt aus frühchristlichen Überlieferungen, die im Mittelalter weithin anerkannt waren. Ihr Fest wird am 15. August gefeiert. In der katholischen Kirche wurde dieser Glaube erst viel später, 1950 durch Papst Pius XII., förmlich als Dogma verkündet, doch zu Tizians Zeit gehörte er bereits zu den beliebtesten Themen der religiösen Kunst. In der orthodoxen Tradition wird dasselbe Ereignis als Entschlafung der Gottesmutter gefeiert.
Nach der überlieferten Erzählung versammelten sich die Apostel um Marias Grab und fanden es leer, während sie in den Himmel emporgetragen wurde. Frühere Maler zeigten dies oft als ruhige, symmetrische Szene, mit der Jungfrau sitzend oder still stehend in einer Mandorla aus Licht. Tizian machte daraus einen Augenblick überwältigender Gefühle und Bewegung.
Die Komposition ist in drei klar voneinander getrennte Ebenen gegliedert, die übereinander angeordnet sind.
Die drei Ebenen sind nicht einfach übereinandergestapelt. Gesten und Blicke verbinden sie: Die Apostel schauen und greifen zu Maria hinauf, Maria blickt zu Gott empor, und Gott blickt auf sie herab. Das Auge des Betrachters folgt demselben Weg, von der Erde zu den Wolken und hinein ins Licht. Die Tafel ist oben gerundet, und der Bogen der himmlischen Glorie greift diese Rundung auf, was dem ganzen Bild ein Gefühl der Vollendung verleiht.
Die Assunta ist ein Schlüsselbeispiel für das, was man venezianisches colorito nennt: die Kunst, ein Bild aus Farbe und Licht aufzubauen statt vorwiegend aus Zeichnung und Linie, worauf man in Florenz und Rom den Schwerpunkt legte. Tizian verwendete satte, leuchtende Ölfarbe, in Schichten aufgetragen, um seinen Farben Tiefe und Leuchtkraft zu geben.
Der berühmteste Farbeffekt ist der Einsatz von Rot. Marias rotes Kleid, die roten Mäntel von Aposteln in der unteren Gruppe und der rote Mantel Gottvaters bilden eine Art Dreieck über das Bild hinweg, das die drei Zonen verbindet und den Blick nach oben führt. Diesen kräftigen Rottönen stellte Tizian das tiefe Blau von Marias Mantel und das warme Gold des himmlischen Lichts gegenüber. Der helle Hintergrund hinter der Jungfrau lässt ihre Gestalt selbst vom hinteren Ende der Kirche deutlich hervortreten.
Ebenso dramatisch ist die Beleuchtung. Die Apostel unten stehen teilweise im Schatten, während die Jungfrau in ein immer intensiveres Strahlen eintritt. Dieser Gegensatz zwischen irdischem Dunkel und himmlischer Helligkeit ist zugleich ein Gestaltungsmittel und eine inhaltliche Aussage: Maria geht von der menschlichen Welt in die göttliche über. Tizian entwarf das Bild außerdem mit Blick auf seinen Standort. Das Altarbild ist von einem monumentalen steinernen Rahmen umschlossen, der zusammen mit ihm geplant wurde, und vom Langhaus aus sieht man es durch den Bogen des Lettners aus dem 15. Jahrhundert, sodass die Architektur der Kirche das Gemälde gleich zweimal rahmt.
Das vollendete Altarbild wurde im Mai 1518 feierlich enthüllt, ein Ereignis, das der venezianische Chronist Marino Sanudo in seinem Tagebuch festhielt. Es wurde rasch berühmt. Für seine Größe, Energie und Farbigkeit gab es in Venedig kein echtes Vorbild, und viele Zeitgenossen sahen darin ein Werk, das die venezianische Malerei auf eine Stufe mit den großen Leistungen Michelangelos und Raffaels in Rom stellte.
Nicht alle Reaktionen waren jedoch sofort positiv. Spätere Autoren berichteten, die Franziskaner seien anfangs über die gewaltigen Apostelfiguren beunruhigt gewesen, die ihnen zu groß und zu kühn erschienen. Einer Geschichte zufolge, die der Biograf Carlo Ridolfi im 17. Jahrhundert erzählte, verflogen ihre Zweifel, als ein Gesandter des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches anbot, das Gemälde zu kaufen. Solche Geschichten lassen sich schwer überprüfen und wurden beim Weitererzählen vielleicht ausgeschmückt, doch sie zeigen, wie neu und überraschend das Werk damals wirkte.
Die Assunta hat fast ihre gesamte Geschichte in der Frari verbracht, wenn auch nicht ohne Unterbrechung. Nach dem Ende der Republik Venedig 1797 und der Neuordnung des Kirchenbesitzes in napoleonischer Zeit wurden viele religiöse Gemälde Venedigs in Museen gebracht. 1817 wurde die Assunta aus der Kirche in die Gallerie dell'Accademia überführt, wo sie als eines der Meisterwerke der venezianischen Malerei ausgestellt war. Dort blieb sie etwa ein Jahrhundert und kehrte 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, an ihren ursprünglichen Platz auf dem Hochaltar zurück. Seitdem wurde sie gereinigt und restauriert, und heute können Besucher sie wieder so sehen, wie Tizian es beabsichtigte: in ihrem eigenen Rahmen und im Licht der Kirche, für die sie geschaffen wurde.
Auch auf andere Weise ist die Frari eng mit Tizian verbunden. Einige Jahre später malte er für dieselbe Kirche ein zweites großes Altarbild, die Pesaro-Madonna (1519–1526), die im linken Seitenschiff hängt. Tizian selbst ist in der Frari begraben. Er starb 1576 in Venedig während einer Pestepidemie, und ein großes Denkmal aus dem 19. Jahrhundert markiert heute sein Grab, nicht weit von dem Gemälde, das ihn einst berühmt gemacht hatte.
Die Assunta gilt oft als das erste große Werk von Tizians Reifezeit und als das Gemälde, das ihn zum führenden Künstler Venedigs machte, eine Stellung, die er für den Rest seines langen Lebens behielt. Sie markierte in der venezianischen Kunst den Übergang von den ruhigen, ausgewogenen Altarbildern der Generation Bellinis zu einem dynamischeren, gefühlvolleren und monumentaleren Stil.
Dieselbe Energie zeigt sich in den Werken, die Tizian in den folgenden Jahren malte. Fast zur selben Zeit, als das Frari-Altarbild enthüllt wurde, begann er für Alfonso I. d'Este, Herzog von Ferrara, zu arbeiten, und sein Bacchus und Ariadne (1520–1523) teilt mit der Assunta die kühnen Diagonalen, die intensive Farbe und das Gefühl eines einzigen dramatischen Augenblicks. In der religiösen Kunst wurden die sich drehende, nach oben strebende Gestalt der Jungfrau und die wirbelnden, von Engeln erfüllten Wolken zum Vorbild für unzählige spätere Darstellungen der Himmelfahrt Mariens. Das Werk gilt oft als Vorwegnahme des Barocks, des Stils des 17. Jahrhunderts, und Barockmaler wie Peter Paul Rubens studierten genau, wie Tizian Bewegung, Licht und Größe miteinander verband.
Mehr als fünfhundert Jahre nach ihrer Enthüllung erfüllt die Assunta noch immer ihre Aufgabe: Sie lenkt den Blick aller, die die Frari betreten, zum Hochaltar und hinauf ins Licht. Nur wenige Meisterwerke der Renaissance lassen sich noch an genau dem Ort und in dem Zusammenhang sehen, für den sie geschaffen wurden, und dieses gehört zu den eindrucksvollsten von allen.
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