
Das Gemälde erzählt eine Geschichte aus den Metamorphosen, dem langen lateinischen Gedicht, in dem der römische Dichter Ovid um den Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. Hunderte griechische und römische Verwandlungsmythen sammelte. Im dritten Buch jagt der junge Prinz Actaeon, ein Enkel des Thebengründers Kadmos, mit seinen Gefährten und seiner Hundemeute. Am Mittag bricht er die Jagd ab und streift allein durch ein unbekanntes Tal. Dort gerät er in eine schattige Grotte mit einer Quelle, in der Diana, die jungfräuliche Göttin der Jagd und des Mondes, mit ihren Nymphen badet.
Die Nymphen schreien auf und drängen sich um ihre Herrin, um sie zu verbergen. Diana, beschämt und zornig, hat keine Pfeile zur Hand. Also spritzt sie Actaeon Wasser ins Gesicht und fordert ihn auf, anderen zu erzählen, was er gesehen hat – wenn er es denn kann. Sofort wächst ihm ein Geweih aus der Stirn, und er verwandelt sich in einen Hirsch. Sprachlos flieht er und wird von seinen eigenen Hunden zerrissen, die ihren Herrn nicht erkennen. Ovid betont, dass Actaeon zufällig in die Grotte kam und nicht aus böser Absicht, und dass seine Strafe eher ein schreckliches Schicksal als Gerechtigkeit war. Diese unbequeme Frage nach Schuld und Unschuld ist ein Grund, warum die Geschichte die Künstler der Renaissance so faszinierte.
Tizian zeigte weder die Verwandlung noch den Tod. Er malte den Bruchteil einer Sekunde, bevor alles schiefgeht: den Moment, in dem Actaeon und Diana einander sehen.
In den 1550er-Jahren war Tizian der berühmteste Maler Europas und arbeitete für die mächtigste Familie des Kontinents, die Habsburger. Er hatte Kaiser Karl V. mehrfach porträtiert und dessen Sohn, den späteren König Philipp II. von Spanien, 1548 in Mailand und 1550–1551 erneut in Augsburg getroffen. Philipp wurde einer seiner wichtigsten Auftraggeber und ließ dem alten Meister ungewöhnlich große Freiheit bei der Wahl der Themen.
Tizian antwortete mit einer Reihe großer mythologischer Gemälde, die er selbst poesie nannte, „Gedichte“ in Farbe. Das Wort zeigte, dass er seine Bilder als malerisches Gegenstück zur Dichtung verstand: freie, fantasievolle Nacherzählungen antiker Geschichten, meist nach Ovid. Zu der Reihe gehörten:
Sein Talent für Ovids Welt hatte Tizian schon Jahrzehnte zuvor bewiesen, in dem hellen, schwungvollen Gemälde Bacchus und Ariadne, das er Anfang der 1520er-Jahre für Alfonso I. d’Este malte. Die Poesie für Philipp sind in ihrer Stimmung anders: dunkler, sinnlicher und tragischer, geschaffen von einem Künstler Ende sechzig oder Anfang siebzig (sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt; die meisten Forscher setzen es um 1488–1490 an).
Tizian plante die beiden Diana-Bilder als Gegenstücke. In Diana und Kallisto entdeckt die Göttin, dass eine ihrer eigenen Nymphen, Kallisto, schwanger ist, und verstößt sie. Beide Bilder zeigen Diana als Richterin, deren Zorn jemanden trifft, der die Regeln ihrer Welt verletzt hat, und beide sind etwa gleich groß. In einem Brief von 1559 teilte Tizian Philipp mit, dass die beiden Gemälde zum Versand nach Spanien bereit seien.
Die Leinwand ist groß, etwa 185 mal 202 Zentimeter, fast quadratisch. Links ist Actaeon gerade in die Grotte getreten. Er trägt noch Jagdkleidung, sein Bogen ist ihm vor die Füße gefallen, und er hebt einen Arm – eine Geste, in der sich Überraschung, Entschuldigung und der Versuch, sich zu schützen, zu mischen scheinen. Auch ein Jagdhund an seiner Seite hat die Frauen bemerkt.
Ihm gegenüber, rechts, sitzt Diana, erkennbar an der kleinen Mondsichel in ihrem Haar. Sie dreht sich weg und zieht ein Tuch hoch, um sich zu bedecken, während sie Actaeon mit einem scharfen, gekränkten Blick fixiert. Hinter ihr hält eine dunkelhäutige Dienerin ein Tuch, und zwischen den beiden Hauptfiguren reagieren die Nymphen ganz unterschiedlich. Eine versteckt sich hinter einer Säule und späht hervor, eine andere blickt den Eindringling direkt an, wieder andere wenden sich ab oder versuchen, sich zu bedecken. Tizian gibt jeder eine eigene Haltung, sodass die Gruppe wirkt, als liefe eine Welle des Schreckens durch die Szene.
Der Schauplatz verbindet Natur und Architektur. Die Badenden sitzen an einem Bach und einem Brunnen zwischen den Ruinen eines Bauwerks mit schweren Rustika-Bögen. Ein schwerer rosaroter Vorhang über den Badenden ist eben beiseitegezogen worden, als hätte sich der Vorhang einer Bühne geöffnet. Hinter der Grotte öffnet sich rechts eine Landschaft mit Bäumen, Hügeln und einem wolkigen Himmel.
Tizian versteckt das tragische Ende im Bild selbst. Auf der Säule in der Mitte liegt ein Hirschschädel mit deutlich sichtbarem Geweih: eine Warnung vor dem, was Actaeon gleich werden wird. In den Zweigen daneben hängen Hirschfelle, und Dianas kleiner Schoßhund bellt den Fremden an. Wer Ovid kannte, las diese Details und begriff, dass dieser Augenblick der Entdeckung mit dem Tod enden wird.
In seinen späten Jahren arbeitete Tizian auf eine Weise, die seine Zeitgenossen verblüffte. Statt der glatten, sorgfältig vertriebenen Oberflächen, die für viele Gemälde der Renaissance typisch sind, baute er seine Bilder in vielen Schichten Ölfarbe auf, aufgetragen mit Pinseln und, frühen Berichten zufolge, manchmal auch mit den Fingern. Aus der Nähe wirken Teile von Diana und Actaeon locker und skizzenhaft; aus der Entfernung verschmelzen die Striche zu leuchtender Haut, schimmerndem Wasser und weichem, vibrierendem Licht.
Die Farbe übernimmt einen großen Teil der Erzählung. Die hellen, warmen Körper der Frauen heben sich von der schattigen Grotte ab, während der rote Vorhang, der tiefblaue Himmel und das Gold und Braun der Landschaft die Szene zusammenhalten.
Technische Untersuchungen zeigen, dass Tizian während der Arbeit seine Meinung änderte: Röntgenaufnahmen belegen zum Beispiel, dass Dianas Dienerin zunächst mit heller Haut gemalt und erst später dunkel übermalt wurde. Das war typisch für seine Arbeitsweise: Er stellte ein Bild beiseite, kehrte mit frischem Blick zurück und überarbeitete es so lange, bis er zufrieden war.
Das Gemälde zeigt mehrere unbekleidete Frauen, was heutige Betrachter überraschen kann. Im Europa der Renaissance waren mythologische Themen der anerkannte Weg, den nackten menschlichen Körper zu malen – eine Fertigkeit, die Künstler und Auftraggeber als eine der höchsten Herausforderungen der Kunst betrachteten. Den liegenden weiblichen Akt hatte Tizian bereits in Werken wie der Venus von Urbino (1534–1538) erkundet. In Diana und Actaeon dienen die Körper jedoch einer Geschichte: Sie zeigen die Vielfalt an Haltungen, die ein Bildhauer oder Maler studieren konnte, und machen dem Betrachter zugleich bewusst, dass er schaut – genau wie Actaeon.
Darin liegt ein Teil der Klugheit des Bildes. Wir Betrachter stehen ungefähr dort, wo Actaeon steht. Das Bild lädt uns ein, über den Unterschied zwischen unschuldigem Sehen und verbotenem Hinschauen nachzudenken und darüber, wie schnell sich das Glück wenden kann.
Die beiden Diana-Bilder hingen fast 150 Jahre lang in der spanischen königlichen Sammlung. 1704 schenkte König Philipp V. von Spanien sie dem französischen Botschafter, dem Herzog von Gramont, und bald darauf gelangten sie in die berühmte Sammlung Philipps von Orléans, der Regent von Frankreich war. Während der Französischen Revolution wurde die Sammlung Orléans verkauft, und 1798 kam ein großer Teil davon, darunter die beiden Tizians, nach London. Die Gemälde erwarb eine Gruppe britischer Sammler unter Führung des Herzogs von Bridgewater; danach wurden sie in der Familie seiner Erben, der Earls of Ellesmere und später der Herzöge von Sutherland, als Teil der sogenannten Bridgewater-Sammlung weitervererbt.
Ab 1945 waren die Gemälde als Dauerleihgabe in der National Gallery of Scotland in Edinburgh zu sehen, wo sie zu ihren bekanntesten Schätzen wurden. 2008 bot der Herzog von Sutherland an, die beiden Diana-Bilder unter ihrem geschätzten Marktwert an die Nation zu verkaufen. Die National Gallery in London und die National Galleries of Scotland starteten eine gemeinsame Kampagne, und 2009 kauften sie Diana und Actaeon für 50 Millionen Pfund, unterstützt von öffentlichen Mitteln, Stiftungen und Tausenden privater Spender. Diana und Kallisto folgte 2012 für 45 Millionen Pfund. Die beiden Institutionen besitzen die Gemälde heute gemeinsam und zeigen sie abwechselnd in London und Edinburgh.
Die Poesie gehörten zu den meistbewunderten Gemälden Europas. Als Peter Paul Rubens Madrid besuchte, studierte und kopierte er Tizians Werke in der königlichen Sammlung, und Generationen von Malern, von Velázquez bis zu den Romantikern des 19. Jahrhunderts, lernten von Tizians lockerer Pinselführung und seiner satten Farbigkeit. In Großbritannien inspiriert Diana und Actaeon Künstler seit mehr als zwei Jahrhunderten; während der Kampagne für den Ankauf nannte der Maler Lucian Freud die beiden Diana-Bilder die schönsten Bilder der Welt.
Später im Leben kehrte Tizian zu der Geschichte zurück. In Der Tod des Actaeon, gemalt in seinen letzten Lebensjahren, schreitet Diana mit einem Bogen voran, während Actaeon, schon halb in einen Hirsch verwandelt, von seinen Hunden angefallen wird. Dieses dunklere, skizzenhaftere Bild wurde nie an Philipp geschickt und blieb in Tizians Werkstatt; heute gehört es ebenfalls der National Gallery in London.
Einige weitere Details sind wissenswert:
Mehr als viereinhalb Jahrhunderte nach seiner Entstehung hält Diana und Actaeon noch immer den schärfsten Moment einer Geschichte fest: nicht die Strafe selbst, sondern den Augenblick des Erkennens, in dem ein gewöhnlicher Jagdausflug zur Tragödie wird.
23 Fragen