
Der Buddhismus geht auf einen Mann namens Siddhartha Gautama zurück, der im 6. oder 5. Jahrhundert v. Chr. im Norden Indiens lebte. Über seine genauen Lebensdaten streiten Historiker bis heute, und viele nehmen inzwischen an, dass er um 400 v. Chr. starb. Der Überlieferung nach wurde er in Lumbini im heutigen Süden Nepals geboren, und zwar im Geschlecht der Shakya, dessen Oberhäupter einen kleinen Staat am Fuß des Himalaya regierten. Deshalb wird er auch Shakyamuni genannt, „der Weise aus dem Geschlecht der Shakya“.
Die traditionelle Erzählung, die in vielen buddhistischen Texten überliefert ist, berichtet, dass Siddhartha im Luxus aufwuchs, abgeschirmt von den Härten der Welt. Als junger Mann verließ er den Palast und sah vier Dinge, die sein Leben veränderten: einen alten Mann, einen Kranken, einen Toten und einen umherziehenden heiligen Mann. Die ersten drei zeigten ihm, dass Alter, Krankheit und Tod jeden Menschen treffen, während der vierte andeutete, dass man nach einem Weg jenseits dieses Leidens suchen kann. Mit etwa 29 Jahren gab er sein fürstliches Leben auf und wurde zu einem wandernden Suchenden.
Mehrere Jahre lang übte Siddhartha strenge Selbstkasteiung und aß so wenig, dass er beinahe verhungerte. Er kam zu dem Schluss, dass dies ebenso wenig zur Weisheit führte wie ein Leben im Genuss. Stattdessen wählte er einen Mittleren Weg zwischen den beiden Extremen. In Meditation unter einem Feigenbaum sitzend, soll er in Bodh Gaya, im heutigen indischen Bundesstaat Bihar, die Erleuchtung erlangt haben. Von da an nannte man ihn den Buddha, einen Titel, der „der Erwachte“ bedeutet. Der Baum wurde als Bodhi-Baum bekannt, als „Baum des Erwachens“.
Der Buddha tauchte nicht aus dem Nichts auf. Zu seiner Zeit lebten im östlichen Teil der Gangesebene viele Shramanas, wandernde Asketen, die die Autorität der vedischen Priester in Frage stellten und durch eigene Anstrengung nach spiritueller Befreiung suchten. Aus einigen dieser Gruppen gingen dauerhafte Traditionen hervor; auch der Jainismus etwa stammt aus diesem Umfeld. Der Buddhismus entstand im 5. Jahrhundert v. Chr. als eine dieser Shramana-Bewegungen.
Nach seinem Erwachen hielt der Buddha seine erste Lehrrede in einem Wildpark in Sarnath bei Varanasi vor fünf früheren Gefährten. Buddhisten nennen dieses Ereignis „das In-Bewegung-Setzen des Rades der Lehre“. Danach zog er etwa 45 Jahre lang von Ort zu Ort und lehrte Menschen jeder sozialen Herkunft. Der Überlieferung nach starb er im Alter von 80 Jahren in Kushinagar. Sein Tod wird Parinirvana genannt, die endgültige Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod.
Die Lehre des Buddha heißt Dharma (in der Pali-Sprache Dhamma). Sie wird oft in einigen Kerngedanken zusammengefasst, die fast alle buddhistischen Schulen teilen.
In seiner ersten Predigt soll der Buddha die Vier Edlen Wahrheiten dargelegt haben, die oft mit dem Vorgehen eines Arztes verglichen werden: die Krankheit benennen, ihre Ursache finden, feststellen, dass es eine Heilung gibt, und die Behandlung verordnen.
Der Pfad hat acht Glieder: rechte Anschauung, rechte Absicht, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung. Es handelt sich nicht um Stufen, die man nacheinander abschließt, sondern um Qualitäten, die gemeinsam entwickelt werden. Buddhisten ordnen sie oft drei Bereichen zu: Weisheit (Anschauung und Absicht), ethisches Verhalten (Rede, Handeln und Lebenserwerb) und Meditation (Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung). Das Symbol des Dharma-Rades mit seinen acht Speichen steht für diesen Pfad.
Der Buddhismus lehrt, dass alles, was wir erfahren, drei Merkmale hat. Es ist vergänglich (Anicca): Nichts bleibt, wie es ist. Es ist unbefriedigend (Dukkha): Das Festhalten an sich wandelnden Dingen bringt Enttäuschung. Und es ist ohne beständiges Selbst (Anatta): Ein Mensch wird als sich wandelnder Prozess aus Körper, Gefühlen, Wahrnehmungen, geistigen Aktivitäten und Bewusstsein verstanden und nicht als feste, unveränderliche Seele.
Wie andere in Indien entstandene Religionen erkennt der Buddhismus das Karma an, die Vorstellung, dass absichtliche Handlungen Folgen haben, sowie die Wiedergeburt, die Vorstellung, dass Wesen viele Leben durchlaufen. Dieser sich wiederholende Kreislauf heißt Samsara. Aus buddhistischer Sicht ist Karma weder Schicksal noch eine von einem Gott verhängte Strafe; es ähnelt eher einem natürlichen Gesetz von Ursache und Wirkung, bei dem die Absicht hinter einer Handlung am meisten zählt. Das Nirvana zu erreichen bedeutet, sich aus diesem Kreislauf zu befreien.
Buddhist wird man, indem man „Zuflucht nimmt“ zu den Drei Juwelen: dem Buddha (dem Lehrer), dem Dharma (der Lehre) und der Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden, besonders der Mönche und Nonnen).
Die meisten Laienbuddhisten bemühen sich, die Fünf Sittlichkeitsregeln einzuhalten, also Vorsätze, Folgendes zu meiden:
Mönche (Bhikkhus) und Nonnen (Bhikkhunis) folgen einem viel umfangreicheren Regelwerk, dem Vinaya, das alles regelt, vom Essen bis zur Schlichtung von Streit in der Gemeinschaft. In vielen Ländern gehen Mönche traditionell morgens durch die Orte und erhalten Essen von Laien, die das Geben als Weg zur Entwicklung von Großzügigkeit verstehen.
Zu den verbreiteten Praktiken gehören Meditation, das Rezitieren von Texten, Opfergaben von Blumen, Licht und Räucherwerk an Schreinen sowie Pilgerreisen. Meditation hat viele Formen. Manche Methoden zielen darauf, den Geist zu beruhigen, etwa durch Achten auf den Atem; andere zielen auf Einsicht, indem sie genau beobachten, wie Gedanken und Empfindungen entstehen und vergehen. Vier Orte, die mit dem Leben des Buddha verbunden sind, gelten als besonders wichtige Pilgerstätten: Lumbini, Bodh Gaya, Sarnath und Kushinagar.
Einen Wendepunkt brachte im 3. Jahrhundert v. Chr. Ashoka, der Herrscher des Maurya-Reiches, das den größten Teil des indischen Subkontinents umfasste. Nach einem blutigen Krieg gegen die Region Kalinga brachte Ashoka tiefe Reue zum Ausdruck und wandte sich dem Dharma zu. Er ließ Botschaften über Gewaltlosigkeit, Toleranz und gutes Verhalten in Felsen und Steinsäulen in seinem ganzen Reich meißeln; viele dieser Edikte sind bis heute erhalten. Außerdem unterstützte er buddhistische Missionen in andere Länder. Der buddhistischen Überlieferung nach brachte sein Sohn Mahinda die Lehre nach Sri Lanka, das zu einem ihrer dauerhaften Zentren wurde.
In den folgenden Jahrhunderten trugen Mönche und Kaufleute den Buddhismus entlang der Handelswege weiter, darunter die Seidenstraße durch Zentralasien. Um das 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte er China und verbreitete sich später nach Korea, Vietnam und im 6. Jahrhundert nach Japan. Nach Tibet gelangte der Buddhismus ab dem 7. Jahrhundert, später auch in die Mongolei. Auf dem Seeweg kam er nach Südostasien, wo er schließlich zur Hauptreligion Myanmars, Thailands, Laos’ und Kambodschas wurde.
Chinesische Pilger wie Xuanzang, der im 7. Jahrhundert nach Indien reiste, legten Tausende Kilometer zu Fuß zurück, um Texte zu sammeln und an großen Klosterzentren wie Nalanda zu studieren. Sein ausführlicher Reisebericht wird von Historikern und Archäologen noch heute genutzt.
In Indien selbst ging der Buddhismus allmählich zurück und war bis etwa zum 13. Jahrhundert aus dem größten Teil des Subkontinents weitgehend verschwunden. Historiker erklären diesen Prozess mit mehreren Faktoren, darunter der Verlust königlicher Förderung, das Wiederaufleben hinduistischer Traditionen und die Zerstörung großer Klöster. Im 20. Jahrhundert erlebte er dort eine Wiederbelebung: 1956 trat der indische Sozialreformer B. R. Ambedkar gemeinsam mit Hunderttausenden seiner Anhänger zum Buddhismus über. In Europa und Nordamerika wurde der Buddhismus im 19. Jahrhundert bekannt, durch Übersetzungen von Texten und durch Einwanderung aus Asien.
Bei seiner Ausbreitung entwickelte sich der Buddhismus zu mehreren großen Traditionen. Sie teilen die Kernlehren, unterscheiden sich aber in ihren Texten, Praktiken und Schwerpunkten.
Das Theravada, „die Lehre der Älteren“, ist die vorherrschende Form des Buddhismus in Sri Lanka, Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha. Es stützt sich auf den Pali-Kanon, auch Tipitaka oder „Drei Körbe“ genannt: einen Korb der Ordensregeln, einen Korb der Lehrreden des Buddha und einen Korb der philosophischen Analyse. Das Ideal ist der Arahant, ein Mensch, der durch eigene Übung das Nirvana erreicht hat.
Das Mahayana, „das große Fahrzeug“, hat die meisten Anhänger und ist in China, Japan, Korea und Vietnam verbreitet. Es betont das Ideal des Bodhisattva, eines Wesens, das nach Erleuchtung strebt, um allen Lebewesen zur Befreiung vom Leiden zu verhelfen. Zum Mahayana gehören viele Schulen, etwa das Zen (in China Chan genannt), das Meditation und unmittelbare Einsicht betont, und der Reines-Land-Buddhismus, in dessen Mittelpunkt die Verehrung des Buddha Amitabha steht.
Das Vajrayana, manchmal tantrischer Buddhismus genannt, entwickelte sich innerhalb des Mahayana und wird besonders mit Tibet, Bhutan und der Mongolei verbunden. Es nutzt Rituale, Visualisierungen, heilige Klänge, die Mantras genannt werden, und die Anleitung eines Lehrers, des Lamas. Seine heute bekannteste Gestalt ist der Dalai Lama, eine führende Persönlichkeit der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus.
Mehrere Jahrhunderte lang wurden die Lehren des Buddha durch Auswendiglernen und Rezitation weitergegeben. Mönche kamen zu Konzilen zusammen, um die Texte gemeinsam zu rezitieren und sich auf sie zu einigen. Der Pali-Kanon wurde im 1. Jahrhundert v. Chr. in Sri Lanka schriftlich festgehalten. Einige der ältesten erhaltenen buddhistischen Handschriften, auf Birkenrinde geschrieben, stammen aus der antiken Region Gandhara im heutigen Pakistan und Afghanistan.
Eine chinesische Ausgabe des Diamant-Sutra, eines Mahayana-Textes, die in einer Höhle bei Dunhuang gefunden wurde, trägt ein Datum, das dem Jahr 868 n. Chr. entspricht. Sie ist das älteste bekannte gedruckte Buch mit Datumsangabe und wird heute in der British Library in London aufbewahrt.
Die frühe buddhistische Kunst zeigte den Buddha nicht in menschlicher Gestalt. Stattdessen verwendeten die Künstler Symbole wie Fußabdrücke, einen leeren Thron, ein Rad oder den Bodhi-Baum. Menschliche Darstellungen des Buddha kamen erst später auf, um das 1. Jahrhundert n. Chr., in Gandhara, wo der Stil griechischen Einfluss zeigt, und in Mathura im Norden Indiens.
Der Stupa, ein kuppelförmiges Bauwerk, das oft Reliquien birgt, ist eine der ältesten Formen buddhistischer Architektur; der Große Stupa von Sanchi in Indien geht in seiner frühesten Form auf die Zeit Ashokas zurück. Im Lauf der Zeit entwickelten sich Stupas zu neuen Formen, etwa den Pagoden Ostasiens. Auf der indonesischen Insel Java steht Borobudur, im 9. Jahrhundert erbaut, der größte buddhistische Tempel der Welt, geschmückt mit mehr als 2.500 gemeißelten Steinreliefs.
Der Buddhismus ist nach Christentum, Islam und Hinduismus die viertgrößte Religion der Welt. Die Schätzungen seiner Anhängerzahl reichen von etwa 320 bis 540 Millionen Menschen, also rund 4 bis 7 Prozent der Weltbevölkerung. Die Spanne ist auch deshalb so groß, weil in Ländern wie China und Japan viele Menschen buddhistische Praktiken mit anderen Traditionen verbinden, was das Zählen erschwert. China hat in absoluten Zahlen die größte buddhistische Bevölkerung, während Länder wie Kambodscha, Thailand, Myanmar, Sri Lanka, Bhutan, Laos und die Mongolei eine buddhistische Mehrheit haben.
Viele buddhistische Feste werden weltweit gefeiert. Das wichtigste, in vielen Ländern als Vesakh bekannt, ehrt die Geburt, die Erleuchtung und den Tod des Buddha; sein Datum richtet sich nach dem Mondkalender und unterscheidet sich zwischen den Traditionen. Buddhistische Gedanken haben auch das moderne Leben außerhalb Asiens beeinflusst. Aus der buddhistischen Praxis abgeleitete Meditationstechniken bilden die Grundlage beliebter Achtsamkeitsprogramme, die in Krankenhäusern, Schulen und am Arbeitsplatz eingesetzt werden, oft in nicht-religiöser Form.
Von einem einzigen Lehrer, der unter einem Baum saß, wuchs der Buddhismus zu einer Tradition, die Kunst, Philosophie, Sprachen und Alltag großer Teile Asiens seit mehr als zweitausend Jahren geprägt hat, und er wandelt sich weiter, während er heute neuen Kulturen begegnet.