
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Automobil ein Spielzeug für Reiche. Autos wurden von geschickten Handwerkern langsam gebaut, oft eines nach dem anderen, und bei jedem Modell mussten die Teile sorgfältig von Hand angepasst werden. Sie gingen leicht kaputt, Reparaturen waren teuer, und sie kosteten weit mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter in einem Jahr verdiente. Die meisten Menschen waren noch zu Fuß, zu Pferd, mit dem Fahrrad oder mit der Eisenbahn unterwegs.
Henry Ford wollte das ändern. Sein Unternehmen, die Ford Motor Company, war 1903 in Detroit, Michigan, gegründet worden und hatte bereits mehrere Modelle verkauft, die nach Buchstaben des Alphabets benannt waren, etwa das Model A, das Model N und das Model S. Fords Traum war ein Auto, das robust, einfach und so günstig war, dass ein Farmer oder ein Fabrikarbeiter es kaufen und unterhalten konnte. Das Ergebnis war das Model T, das die Firma vom 1. Oktober 1908 bis zum 26. Mai 1927 herstellte. Es gilt allgemein als das erste Automobil, das sich die Mittelschicht wirklich leisten konnte, und es veränderte, wie die Menschen in den Vereinigten Staaten und bald auch in vielen anderen Ländern lebten, arbeiteten und reisten.
Das Model T war nicht allein das Werk Henry Fords. Entworfen wurde es hauptsächlich von drei Ingenieuren: Joseph A. Galamb, Eugene Farkas und Childe Harold Wills. Galamb und Farkas waren beide Einwanderer aus Ungarn. Das Team arbeitete in einem kleinen Versuchsraum in Fords Werk an der Piquette Avenue in Detroit, der Fabrik, in der die ersten Model Ts gebaut wurden.
Ihr Ziel waren nicht Geschwindigkeit oder Luxus, sondern Robustheit und einfache Reparatur. Viele amerikanische Straßen waren damals unbefestigt, ausgefahren und schlammig, besonders auf dem Land. Deshalb hatte das Model T eine hohe Bodenfreiheit, mit der es über Unebenheiten und durch tiefen Schlamm kam. Sein Rahmen war leicht, und es fuhr auf nachgiebigen Federn, mit denen die Räder unebenem Gelände folgen konnten.
Eine der klugen Entscheidungen war die Verwendung von Vanadiumstahl, einer Legierung, die fester und leichter war als die gewöhnlichen Stähle, die die meisten Autohersteller verwendeten. Ford hatte sich für Vanadiumstahl zu interessieren begonnen, nachdem er Teile daraus an einem europäischen Rennwagen gesehen hatte. Damit konnten wichtige Teile des Model T leichter werden, ohne an Festigkeit zu verlieren, was dem Auto half, jahrelange harte Beanspruchung zu überstehen.
Das Model T hatte einen Vierzylinder-Benzinmotor mit etwa 20 PS. Nach heutigen Maßstäben ist das winzig, aber es reichte, um eine Familie mit einer Höchstgeschwindigkeit von rund 40 bis 45 Meilen pro Stunde (etwa 64 bis 72 Kilometer pro Stunde) zu befördern. Viele Teile waren so einfach, dass die Besitzer sie zu Hause mit einfachem Werkzeug reparieren konnten, und Ersatzteile waren billig und leicht zu bekommen, weil so viele Autos dieselben verwendeten.
Ein Model T zu fahren war ganz anders als das Fahren eines modernen Autos, und man brauchte Übung. Es gab kein Gaspedal am Boden. Stattdessen regelte der Fahrer die Drehzahl des Motors mit einem Handhebel an der Lenksäule, und ein zweiter Hebel verstellte den Zündzeitpunkt, also den Moment, in dem der Funke den Kraftstoff entzündete.
Am Boden befanden sich drei Pedale. Das linke Pedal bediente die beiden Vorwärtsgänge: Durchgetreten legte es den ersten Gang ein, losgelassen den zweiten. Das mittlere Pedal schaltete den Rückwärtsgang ein, das rechte war die Bremse. Ein hoher Hebel neben dem Fahrer diente als Feststellbremse und half außerdem, den Leerlauf oder den hohen Gang zu wählen. Das Getriebe selbst war ein Zweigang-Planetengetriebe, eine Bauart, bei der die Zahnräder ständig im Eingriff bleiben. Dadurch fiel Anfängern das Schalten leichter als bei den krachenden Getrieben vieler anderer Autos jener Zeit.
Die frühen Model Ts hatten keinen elektrischen Anlasser. Der Fahrer musste vorn am Auto eine Handkurbel drehen, um den Motor zu starten, und dabei vorsichtig sein, denn eine zurückschlagende Kurbel konnte den Arm verletzen. Ein elektrischer Anlasser war für das Model T erst in seinen späteren Jahren erhältlich, ab 1919.
Der Kraftstofftank der meisten Model Ts saß unter dem Vordersitz, und das Benzin floss nicht mit einer Pumpe, sondern durch die Schwerkraft zum Motor. An einem sehr steilen Hang konnte bei niedrigem Tankstand der Kraftstoff den Motor nicht mehr erreichen. Manche Fahrer lösten dieses Problem auf überraschende Weise: Sie wendeten und fuhren den Hügel rückwärts hinauf, denn auch der Rückwärtsgang war ein kräftiger, niedriger Gang.
Das Model T ist nicht nur als Auto berühmt, sondern auch als das Produkt, das die Fertigung grundlegend veränderte. Anfangs wurde es auf recht traditionelle Weise gebaut: Arbeiter brachten die Teile zu einem Auto, das an einem Ort stehen blieb. Die Nachfrage war jedoch so groß, dass Ford eine viel schnellere Methode brauchte.
1910 eröffnete das Unternehmen in Highland Park, Michigan, eine riesige neue Fabrik. Dort experimentierten Fords Manager und Ingenieure damit, die Arbeit in kleine, einfache Schritte zu zerlegen. Sie übernahmen Ideen aus anderen Branchen, darunter die Hängeförderer, mit denen in Schlachthöfen die Tierkörper bewegt wurden. 1913 führten sie ein bewegliches Fließband ein: Der Rahmen des Autos wurde an einer Reihe von Arbeitern vorbeigezogen, und jeder Arbeiter erledigte immer wieder eine einzige Aufgabe, etwa ein Teil anzubringen oder bestimmte Schrauben festzuziehen.
Die Ergebnisse waren verblüffend. Der Bau eines Fahrgestells, also des Rahmens mit Motor und Fahrwerk, hatte mehr als zwölf Arbeitsstunden erfordert. Am beweglichen Band dauerte er etwa anderthalb Stunden. Die zentralen Ideen hinter diesem Erfolg waren:
Die Massenproduktion senkte die Kosten jedes einzelnen Autos, und Ford gab einen großen Teil der Ersparnis an die Käufer weiter. Der Preis eines Model T fiel von 780 Dollar im Jahr 1910 auf nur 290 Dollar im Jahr 1924. Jede Preissenkung brachte neue Kunden, und mehr Kunden ermöglichten noch größere Stückzahlen und weitere Einsparungen.
Das Fließband hatte jedoch eine Schattenseite. Die Arbeit war schnell, ermüdend und eintönig, und viele Beschäftigte kündigten schon nach kurzer Zeit. Im Januar 1914 reagierte Ford mit einem Angebot, das Schlagzeilen machte: dem Fünf-Dollar-Tag, der den üblichen Tageslohn von Fabrikarbeitern ungefähr verdoppelte und mit einem kürzeren Arbeitstag von acht Stunden verbunden war. Tausende Menschen standen für eine Stelle Schlange. Der höhere Lohn half Ford, erfahrene Arbeiter zu halten, und er bedeutete auch, dass sich viele der Menschen, die Model Ts bauten, irgendwann selbst eines kaufen konnten. Ein Teil des zusätzlichen Geldes war allerdings an Bedingungen geknüpft, und eine Abteilung des Unternehmens besuchte die Arbeiter zu Hause, um zu prüfen, wie sie lebten – eine Praxis, die als aufdringlich kritisiert wurde.
Mit dem Model T ist einer der berühmtesten Sätze der Wirtschaftsgeschichte verbunden. In seinen Memoiren von 1922 schrieb Henry Ford, Kunden könnten ihr Auto in jeder gewünschten Farbe lackiert bekommen, solange sie schwarz sei. Die Bemerkung fasst seine Strategie zusammen: Ein einziges Standardprodukt ließ sich schneller bauen und billiger verkaufen.
Tatsächlich war das Model T nicht immer schwarz. In den ersten Jahren wurde es in Farben wie Grau, Grün, Blau und Rot verkauft. Etwa ab 1914 war Schwarz jedoch über den größten Teil der Produktionszeit die einzige Wahl, vor allem weil der damals verwendete schwarze Lack schnell trocknete, was zum Tempo des Fließbands passte. Farben kehrten erst gegen Ende der Bauzeit zurück, als die Konkurrenz stärker geworden war.
Der Absatz wuchs in einem Tempo, das kein Auto zuvor erreicht hatte. Bis zum Produktionsende waren mehr als 15 Millionen Model Ts gebaut worden, ein Rekord für ein einzelnes Modell, der jahrzehntelang Bestand hatte. Im Jahr 1918 war etwa die Hälfte aller Autos in den Vereinigten Staaten ein Model T.
Das Auto wurde auch außerhalb der USA gebaut. Ford of Canada produzierte es für Kanada und für Märkte im gesamten Britischen Weltreich, und ab 1911 wurden Model Ts in Großbritannien in Trafford Park bei Manchester montiert, ebenso in weiteren Ländern. Für viele Menschen auf der ganzen Welt war das Model T das erste Auto, das sie je sahen oder in dem sie je mitfuhren.
Die Besitzer nutzten es auf vielfältige Weise. Neben dem bekannten offenen Tourenwagen gab es das Model T in Ausführungen wie dem zweisitzigen Runabout, dem geschlossenen Coupé und der Limousine. 1917 stellte Ford das Model TT vor, eine verstärkte Lastwagenversion. Farmer setzten Model Ts zum Wasserpumpen, Holzsägen und Lastenziehen ein, und Firmen verkauften Bausätze, mit denen man sie in kleine Traktoren oder Schneefahrzeuge umbauen konnte. Ihre beliebten Spitznamen, Tin Lizzie und Flivver, wurden Teil des amerikanischen Alltagsenglisch.
Die Wirkung des Model T reichte weit über die Fabrik hinaus. Vor den billigen Autos konnten Farmerfamilien lange Zeit abgeschnitten sein, besonders wenn die Straßen schlecht waren. Mit einem Model T konnten sie in die Stadt fahren, ihre Ernte verkaufen, Ärzte aufsuchen und ihre Kinder auf größere Schulen schicken. Stadtbewohner konnten weiter entfernt von ihrem Arbeitsplatz wohnen, was das Wachstum der Vororte förderte.
Als Millionen Autos auf die Straßen kamen, verlangten die Amerikaner bessere Straßen. Regierungen begannen, asphaltierte Fernstraßen zu bauen, und Tankstellen, Reparaturwerkstätten, Straßenrestaurants und Motels breiteten sich im ganzen Land aus. Reisen mit dem Auto wurden für gewöhnliche Familien möglich. Das Auto veränderte auch das Werben um einen Partner, die Freizeit und die Gestalt der Städte, die zunehmend um Straßen für den Kraftverkehr herum geplant wurden.
Die Art, wie das Model T hergestellt wurde, hatte einen noch größeren Einfluss. Die Massenproduktion am Fließband verbreitete sich zu anderen Autoherstellern und dann zur Herstellung von Radios, Kühlschränken, Waschmaschinen und unzähligen anderen Produkten. Der Begriff Fordismus bezeichnet seither dieses ganze System aus standardisierten Produkten, Massenproduktion und vergleichsweise hohen Löhnen, die es Arbeitern ermöglichen, selbst zu Kunden zu werden.
Mitte der 1920er-Jahre war das Model T in die Jahre gekommen. Konkurrenten, vor allem Chevrolet, eine Marke von General Motors, boten Autos mit mehr Komfort, mehr Leistung, einer Auswahl an Farben und jedes Jahr neuem Design an. Außerdem machten sie es leichter, ein Auto auf Kredit zu kaufen. Viele Käufer, die sich nun ein Auto leisten konnten, wollten etwas Moderneres als Fords einfache, unveränderte Konstruktion, und die Verkaufszahlen des Model T begannen zu sinken.
Schließlich willigte Henry Ford ein, es zu ersetzen. Am 26. Mai 1927 lief das fünfzehnmillionste Model T vom Band, und bald darauf endete die Produktion, während Fords Fabriken für ein neues Auto umgerüstet wurden, das einen alten Namen wiederverwendete: das Model A.
Heute sind noch Tausende Model Ts erhalten. Liebhaberclubs halten sie fahrbereit, und man kann sie in Museen wie The Henry Ford in Dearborn, Michigan, besichtigen. Mehr als ein Jahrhundert nach seinem ersten Erscheinen bleibt das Model T ein Symbol dafür, wie ein einziges gut durchdachtes Produkt, auf neue Weise gebaut, den Alltag umgestalten kann.